Eigentlich wollte Tim Kantorzik zum Zoll. Sein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) sollte nur ein Überbrückungsjahr werden. Jetzt sitzt der 17-Jährige inmitten einer Gruppe aus Kindergartenkindern und hat eine ganz andere Entscheidung getroffen. Er möchte Erzieher werden. „Es macht so viel Spaß mit den Kindern, dass ich mir keinen anderen Beruf mehr vorstellen kann“, sagt er.
Tim Kantorzik arbeitet in der Kita ‚Haus des Kindes‘ in Schönberg. Wegen der Corona-Pandemie waren viele Kinder einige Wochen zuhause, jetzt füllen sich die Räume der Kindertagesstätte schrittweise wieder und Tim ist froh, alle wiederzusehen. „Ich habe die Kinder richtig vermisst“, sagt er. „Einige Kinder haben nach der langen Kita-Pause Startschwierigkeiten, aber das kriegen wir alles hin“, zeigt er sich optimistisch und wendet sich zwei kleinen Jungs zu.
Die Corona-Krise stellt die Kita und andere soziale Einrichtungen vor besondere Herausforderungen. Sie müssen eine Notfallbetreuung sicherstellen, Hygienekonzepte erstellen und ausreichend Personal vorhalten. Das ist ohnehin vielerorts knapp. Jetzt fallen teilweise auch Mitarbeiter*innen aus, die zur Risikogruppe gehören. Gerade jetzt sind Freiwillige im Bereich FSJ oder BFD in sozialen Einrichtungen eine wichtige Stütze.
So auch Rocco Krüger. In den Wohnstätten der Dreescher Werkstätten in Schwerin ist er mittlerweile eine wichtige Bezugsperson für die Bewohnerinnen und Bewohner. Wegen der Corona-Pandemie konnten sie wochenlang nicht raus, keine Besuche empfangen, nicht zur Arbeit in die Werkstätten. „Der durchstrukturierte Alltag fällt weg, dabei ist der so wichtig für Menschen mit Behinderungen“, weiß Rocco Krüger. Seit Dezember leistet der 49-Jährige seinen Bundesfreiwilligendienst bei den Dreescher Werkstätten. Zu seinen Aufgaben gehören neben der Unterstützung der Bewohner im Alltag auch Freizeitangebote wie zum Beispiel Spaziergänge oder Spielenachmittage – alles unter den derzeit geltenden Abstands- und Hygieneregeln. Aufgaben, die ihm jeden Tag aufs Neue große Freude bereiten. „Ich finde es sehr erfüllend, hier zu arbeiten“, sagt der gelernte Maurer, der sich beruflich umorientieren will. Manchmal sei es auch anstrengend, aber das Gefühl, Gutes zu tun, überwiege und mache nicht nur die Menschen mit Behinderungen, sondern auch ihn persönlich glücklich. „Gerade in diesen Zeiten spürt man, wie viel eine Person ausrichten kann.“
Für soziale Einrichtungen sind die Freiwilligen eine willkommene Unterstützung. Bei der Planung und Durchführung zusätzlicher Vorhaben können sie die Mitarbeiter*innen entlasten. Ziel sei es nicht, eine ausgebildete Fachkraft zu ersetzen, sondern allen - den Mitarbeiter*innen, Kindern oder Bewohnern - einen Mehrwert zu bieten, sagt Franziska Behrens, die beim Paritätischen den Einsatz der Freiwilligen koordiniert. „Momentan ist es besonders wichtig, sich für Menschen, die Hilfe benötigen, zu engagieren“, sagt sie. Unterstützt und fachlich angeleitet werden die Freiwilligen zum einen in ihrer jeweiligen Einsatzstelle, zum anderen auch durch den Paritätischen. „Wir sind individueller Ansprechpartner für Fragen und Probleme, sprechen mit allen Beteiligten in der Einsatzstelle und führen Begleitseminare mit Praxisreflexion durch“, berichtet Franziska Behrens.
Insgesamt 90 Stellen stehen den Bewerber*innen landesweit bei Mitgliedsorganisationen des Paritätischen zur Verfügung. Einsatzstellen sind beispielsweise Kindertagesstätten, Schulen und Horte, Jugendfreizeiteinrichtungen, Wohnheime und Werkstätten für Menschen mit Behinderungen, Kleider- und Möbelbörsen oder auch in der Seniorenbetreuung. „Es gelten strenge Hygienebedingungen und Abstandsregelungen. Die Einsatzstellen besprechen gemeinsam mit den Freiwilligen ihre Einsatzmöglichkeit“, so Behrens. Den Einsatzstellen obliege dabei sowohl für die betreuten Menschen als auch für die Freiwilligen eine besondere Fürsorgeplicht.
Die üblichen Einsatzstellenbesuche durch die Bildungsreferenten fallen wegen der Corona-Situation vielerorts aus. Stattdessen finden telefonische Reflexions- und Beratungsgespräche mit den Freiwilligen und ihren Anleitungspersonen und sogar Seminare zu bestimmten Schwerpunktthemen statt. „Wir haben schnell neue Möglichkeiten für unseren Austausch gefunden mit denen wir die räumliche Distanz einhalten können, ohne dass soziale Distanz entsteht“, sagt Behrens. Das klappe sehr gut.
Vom 1. September an bietet der Paritätische wieder freie Stellen im Bereich der Freiwilligendienste. Anders als das „Freiwillige Soziales Jahr“ richtet sich der Bundesfreiwilligendienst auch an Interessierte, die älter als 27 Jahre sind. Für ihren Einsatz erhalten die Freiwilligen ein monatliches Taschengeld sowie ggf. einen Zuschuss für Unterkunft und Verpflegung. Die Sozial- und Unfallversicherungsbeiträge werden übernommen. Die in der Regel einjährige Berufspraxis und das qualifizierte Abschlusszeugnis am Ende des Freiwilligendienstes sind für viele ein direktes Sprungbrett in Ausbildung und Beruf.
Das hoffen auch Tim Kantorzik und Rocco Krüger. „Man merkt, wie sehr man den Menschen helfen kann und spürt ihre Dankbarkeit“, sagt Krüger. Sie freuen sich, wenn man ein paar Tage nicht da war und wiederkommt. Und ich freue mich auch.“
Interessenten können sich jetzt bewerben. Weitere Informationen für einen BFD oder ein FSJ beim Paritätischen finden Sie unter: www.paritaet-mv.de/freiwilligendienste