Lieber Nico Conrad, herzlichen Glückwunsch zur Wahl zum neuen Vorsitzenden des Paritätischen MV. Sie sind bereits seit drei Jahren Mitglied im Vorstand des Paritätischen MV. Was hat Sie motiviert, für den Vorsitz zu kandidieren?
Die vergangenen drei Jahre haben mir gezeigt, welche Kraft in unserem Verband steckt. Der Paritätische MV vereint große und kleine Organisationen, Haupt- und Ehrenamt, soziale Unternehmen und Initiativen. Diese Vielfalt ist unsere Stärke und macht einen Unterschied.
Mich hat motiviert, Verantwortung zu übernehmen und den Verband gemeinsam mit dem Vorstand und der Geschäftsstelle weiterzuentwickeln. Ich möchte dazu beitragen, dass der Paritätische MV nicht nur als Interessenvertretung wahrgenommen wird, sondern als unverzichtbarer Mitgestalter der Sozialpolitik in Mecklenburg-Vorpommern. Mit unseren sozialpolitischen Positionen zur Landtagswahl machen wir ein konkretes inhaltliches Angebot, dass sich sehen lassen kann.
Welche Erfahrungen und Kompetenzen bringen Sie in dieses Amt ein?
Ich verbinde Erfahrungen aus verschiedenen Perspektiven. Als Vorstand der Volkssolidarität Mecklenburg-Vorpommern kenne ich die Herausforderungen sozialwirtschaftlicher Unternehmen ebenso wie die Arbeit eines Mitgliederverbandes. Gleichzeitig bringe ich langjährige kommunalpolitische Erfahrung und Kenntnisse aus der gesetzlichen Pflegeversicherung mit. Über 13 Jahre habe ich als Vorsitzender die Geschicke eines kleinen Verbandes, dem Kreisjugendring Ludwigslust-Parchim leiten dürfen. Vor allem verstehe ich mich als Brückenbauer. Gute Sozialpolitik entsteht dort, wo Politik, Verwaltung und Praxis miteinander sprechen und gemeinsam Lösungen entwickeln und Gespräche auf Augenhöhe und mit dem gegenseitigen Respekt voreinander stattfinden.
Was sind Ihre wichtigsten Ziele für die kommende Amtsperiode?
Mein Ziel ist ein sichtbarer, starker und politisch wirksamer Paritätischer in Mecklenburg-Vorpommern. Wir wollen die Interessen unserer Mitglieder noch stärker bündeln, den Austausch innerhalb unseres Verbandes intensivieren und unsere sozialpolitische Stimme weiter stärken. Das wir das können, hat unsere Präsenz als Paritätischer im Oktober im Zusammenhang mit der Demo gezeigt. Gleichzeitig möchte ich die Zusammenarbeit mit Politik, Verwaltung und anderen Spitzenverbänden auf Augenhöhe weiter ausbauen.
Dabei gilt für mich ein Grundsatz: Wir möchten nicht am Spielfeldrand stehen, sondern gemeinsam mit allen Beteiligten auf dem Platz die Zukunft unseres Sozialstaates gestalten.
Welche Themen werden die Arbeit des Verbandes in den kommenden Jahren besonders prägen?
Der demografische Wandel, der Fachkräftemangel, die Finanzierung sozialer Angebote, Digitalisierung und die Sicherung gleichwertiger Lebensverhältnisse werden unsere Arbeit bestimmen. Hinzu kommt die Frage, wie wir soziale Infrastruktur dauerhaft finanzieren und gleichzeitig Innovation ermöglichen können. Die sozialen Herausforderungen werden größer und deshalb müssen auch die Rahmenbedingungen Schritt halten.
Wie wollen Sie die Interessen der Mitglieder und Einrichtungen noch stärker in die Verbandsarbeit einbinden?
Unsere Stärke liegt in der Praxis unserer Mitglieder. Deshalb müssen ihre Erfahrungen noch stärker Grundlage unserer politischen Positionen werden. Ich wünsche mir frühzeitigere Beteiligungsprozesse in Gesetzgebungsverfahren, einen intensiven fachlichen Austausch und einen noch engeren Dialog zwischen Geschäftsstelle, Vorstand und Mitgliedsorganisationen. Gute Verbandsarbeit entsteht nicht von oben, sondern gemeinsam. Dieses Kredo wurde bereits im „alten“ Vorstand gelebt und daran knüpfen wir gemeinsam an.
Mecklenburg-Vorpommern ist geprägt von einer älter werdenden Bevölkerung und vielen ländlichen Regionen. Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die soziale Arbeit und die Wohlfahrtspflege?
Gerade in einem Flächenland wie Mecklenburg-Vorpommern entscheidet die soziale Infrastruktur darüber, ob Menschen in ihrer Heimat gut leben können. Es reicht nicht, Angebote in den Städten vorzuhalten. Wir brauchen wohnortnahe Beratungsangebote, Pflege, Kinder- und Jugendhilfe sowie Unterstützung für Familien auch im ländlichen Raum. Das kostet Geld, ist aber eine Investition in gleichwertige Lebensverhältnisse.
Wie kann es gelingen, soziale Angebote auch in strukturschwachen Regionen dauerhaft zu sichern?
Wir brauchen verlässliche Finanzierung statt kurzfristiger Projektlogik. Planungssicherheit schafft Versorgungssicherheit. Letztlich geht es auch darum, Fachkräften eine sichere Perspektive zu geben um Sie zu halten. Außerdem müssen Förderprogramme einfacher werden, Bürokratie reduziert und Kooperationen zwischen Trägern erleichtert werden. Gerade kleinere Einrichtungen benötigen Rahmenbedingungen, die ihre Arbeit ermöglichen statt erschweren.
Viele Menschen sorgen sich um die Zukunft der Pflege. Welche politischen Weichenstellungen sind jetzt notwendig?
Pflege braucht endlich eine nachhaltige Finanzierungsreform. Gleichzeitig müssen pflegende Angehörige besser unterstützt, ambulante Angebote gestärkt und die kommunale Daseinsvorsorge weiterentwickelt werden. Pflege darf nicht ausschließlich als Kostenfaktor betrachtet werden, sondern als zentrale gesellschaftliche Aufgabe. Die aktuellen Reformvorhaben der Bundesregierung sind besorgniserregend. Wir müssen alles daransetzen, dass Erfolge der Vergangenheit nicht den aktuellen Sparzwängen geopfert werden.
Der Fachkräftemangel belastet viele Angebote der Mitgliedsorganisationen z.B. in Beratungsangeboten, der Kinder- und Jugendhilfe, familienunterstützenden Diensten, Eingliederungshilfe und Pflege zunehmend. Welche Lösungen sehen Sie für Mecklenburg-Vorpommern?
Es gibt keine einzelne Lösung. Wir müssen Ausbildung stärken, qualifizierte Zuwanderung ermöglichen, Bürokratie abbauen, Beschäftigte langfristig binden und attraktive Arbeitsbedingungen schaffen. Ebenso wichtig ist es, Fachkräfte von Verwaltungsaufgaben zu entlasten, damit mehr Zeit für die eigentliche soziale Arbeit bleibt. Gerade in Bereichen der sogenannten „freiwilligen Leistungen“ verlassen uns viele Fachkräfte die wir dringend brauchen. Hier ist die Politik gefragt, sichere Finanzierungszusagen zu treffen um Beschäftigten Sicherheit zu geben.
Welche Rolle können Zuwanderung und Integration bei der Fachkräftesicherung spielen?
Sie werden ein wichtiger Teil der Lösung sein. Menschen, die zu uns kommen und hier arbeiten möchten, brauchen schnelle Anerkennungsverfahren, gute Sprachförderung und Unterstützung bei der Integration. Fachkräfte gewinnen wir nicht nur durch Anwerbung, sondern indem wir ihnen echte Perspektiven bieten.
Wie können soziale Berufe insgesamt attraktiver gemacht werden und welche Rolle kann hier die Ausbildung spielen?
Soziale Berufe sind sinnstiftend und gesellschaftlich unverzichtbar. Diese Wertschätzung muss sich aber auch in den Rahmenbedingungen widerspiegeln. Dazu gehören moderne Ausbildungswege, gute Praxisbegleitung, Entwicklungsmöglichkeiten, verlässliche Arbeitszeiten und weniger Bürokratie. Ausbildung ist dabei der wichtigste Schlüssel für die Zukunft.
Welche Auswirkungen haben steigende Kosten und knappe öffentliche Haushalte auf die Arbeit Ihrer Mitgliedseinrichtungen?
Viele Einrichtungen arbeiten bereits heute an ihrer Belastungsgrenze. Steigende Energie-, Personal- und Sachkosten treffen auf oftmals nicht auskömmliche Refinanzierungen. Wenn soziale Angebote dauerhaft gesichert werden sollen, müssen Kostenentwicklungen realistisch berücksichtigt werden. Andernfalls geraten wichtige Angebote zunehmend unter Druck und verschwinden. Besonders kritisch sehe ich Entwicklungen in einzelnen Bereichen in denen gesetzliche Ansprüche von Betroffenen nach Kassenlage bearbeitet werden.
Welche Erwartungen haben Sie an Politik und Kostenträger, um die Arbeitsbedingungen in der Sozialwirtschaft zu verbessern?
Ich wünsche mir einen echten partnerschaftlichen Dialog. Wer die Expertise der Praxis nutzen möchte, muss sie frühzeitig einbinden. Anhörungen sollten nicht nur stattfinden, sondern so ausgestaltet sein, dass Beteiligung tatsächlich möglich wird. Zuhören ist mehr als Anhören.
Welche Chancen bietet die Digitalisierung für die soziale Arbeit?
Digitalisierung kann Prozesse vereinfachen, Dokumentation erleichtern und mehr Zeit für die Menschen schaffen. Sie kostet jedoch auch Geld und braucht eine verlässliche Refinanzierung. Sie ersetzt aber niemals persönliche Beziehungen. Deshalb muss Digitalisierung immer den Menschen dienen und darf nicht zum Selbstzweck werden.
Die gesellschaftlichen Debatten werden vielerorts rauer und polarisierter. Welche Verantwortung haben Wohlfahrtsverbände für Demokratie, Vielfalt und gesellschaftlichen Zusammenhalt?
Wohlfahrtsverbände stehen für Menschenwürde, Vielfalt und Solidarität. Gerade in schwierigen Zeiten müssen wir Räume schaffen, in denen Menschen miteinander ins Gespräch kommen. Demokratie lebt vom Mitmachen, vom Respekt und vom gegenseitigen Verständnis. Dafür tragen wir als Wohlfahrtsverbände eine besondere Verantwortung.
Ehrenamt spielt in der Wohlfahrt eine große Rolle, diese Erfahrung bringen Sie auch als Vorstand der Volkssolidarität mit. Wie wollen Sie das Ehrenamt stärken und mehr Menschen für gesellschaftliches Engagement gewinnen?
Ehrenamt braucht Anerkennung, gute Begleitung und weniger Hürden. Viele Menschen möchten sich engagieren, benötigen aber flexible Möglichkeiten. Wir sollten Engagement stärker an den Lebensrealitäten der Menschen ausrichten und deutlich machen, welchen Unterschied jeder Einzelne für unsere Gesellschaft machen kann. Wir sollten aber auch für eine finanzielle Anerkennung werben. Denn Ehrenamt, gerade im ländlichen Raum, kostet Geld. Das Bundesland Sachsen kann uns an dieser Stelle als Vorbild dienen. Hier erhalten ehrenamtliche unter bestimmten Voraussetzungen eine kleine finanzielle Anerkennung und Unterstützung für ihre ehrenamtliche Tätigkeit.
Mecklenburg-Vorpommern wählt im September einen neuen Landtag. Welche Erwartungen haben Sie an die künftige Landesregierung?
Ich wünsche mir eine Landesregierung, die soziale Infrastruktur als Zukunftsinvestition versteht. Soziale Einrichtungen sind kein Kostenfaktor, sondern Voraussetzung für Lebensqualität, wirtschaftliche Entwicklung und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Deshalb sollte Sozialpolitik einen zentralen Stellenwert erhalten.
Der Umgang mit den Verbänden muss in Zukunft ein anderer werden. Anhörungen mit kurzen Fristen oder für die Aktenlage, machen kein Gesetz, Richtlinie oder Verordnung besser. Die Praxis muss die Chance erhalten, besser eingebunden zu werden. Wir müssen in Anhörungsverfahren wieder das Ziel verfolgen, unter Einbindung der Fachexpertise unserer Mitgliedsorganisationen das bestmögliche Gesetz, die bestmögliche Verordnung oder Richtlinie entstehen zu lassen.
Was würden Sie den Spitzenkandidatinnen und Spitzenkandidaten aller Parteien mit Blick auf die soziale Infrastruktur im Land mit auf den Weg geben?
Sprechen Sie mit den Menschen, die soziale Angebote jeden Tag gestalten. Unsere Mitgliedsorganisationen kennen die Herausforderungen aus der Praxis. Wer gute Entscheidungen treffen möchte, sollte diese Erfahrungen frühzeitig einbeziehen. Die besten Lösungen entstehen im Dialog.
Die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen verändern sich derzeit sehr dynamisch. Was gibt Ihnen Zuversicht für die kommenden vier Jahre?
Zuversicht geben mir die Menschen, die sich jeden Tag mit großem Engagement für andere einsetzen. Unsere Mitgliedsorganisationen leisten Tag für Tag Beeindruckendes, oft unter schwierigen Bedingungen. Dieses Engagement zeigt mir, dass wir die Herausforderungen gemeinsam bewältigen können. Wenn Politik, Verwaltung und Wohlfahrt partnerschaftlich zusammenarbeiten, bin ich überzeugt, dass wir die soziale Infrastruktur in Mecklenburg-Vorpommern zukunftsfest gestalten können.
Lieber Herr Conrad, vielen Dank für das Interview und viel Erfolg in Ihrem Amt.
Das Interview führte Stephanie Böskens