Paritätischer Armutsbericht 2020: Armut in Deutschland auf Rekordhoch – Quote in MV leicht gesunken

Die Armut in Deutschland hat ein neuen traurigen Rekord erreicht: Die Armutsquote nahm gegenüber dem Vorjahr um 0,4 Prozentpunkte zu und erreichte mit 15,9 Prozent den höchsten Wert, der seit der Vereinigung gemessen wurde. Der Paritätische Wohlfahrtsverband warnt in seinem heute veröffentlichten Armutsbericht, dass alles darauf hindeute, dass die Auswirkungen der Corona-Krise Armut und soziale Ungleichheit noch einmal spürbar verschärfen werden.

In Mecklenburg-Vorpommern sank die Armutsquote im Vergleich zum Vorjahr um 1,5 Prozentpunkte auf 19,5 Prozent. Trotz dieser positiven Entwicklung gehört Mecklenburg-Vorpommern nach wie vor zu den am stärksten von Armut betroffenen Bundesländern und landet im Ländervergleich auf dem drittletzten Platz vor Sachsen Anhalt und Schlusslicht Bremen. Bayern und Baden- Württemberg zeigen mit 11,9 und 12,3 Prozent mit Abstand die „besten” Werte.

„Dass die Armut in Mecklenburg-Vorpommern zumindest leicht gesunken ist, ist ein positives Signal, aber nicht wirklich ermutigend, wenn jetzt nicht bewusst mit politischen Maßnahmen gegengesteuert wird“, sagt der Vorsitzende des Paritätischen Mecklenburg-Vorpommern e.V. Friedrich Wilhelm Bluschke. „Landesweit leben immer mehr Menschen ausgegrenzt. Die aktuelle Corona-Pandemie macht unter anderem deutlich, wie selektiv unser Bildungssystem ist und wie sehr arme Kinder benachteiligt sind.“ Insbesondere Alleinerziehende und ältere Menschen im ländlichen Raum würden abgehängt. Das belege auch die hierzulande am stärksten von Armut betroffene Region Vorpommern mit einer Armutsquote von 21,7 – deutschlandweit auf Platz fünf der ärmsten Regionen. Der Lockdown im Frühjahr mit der Schließung von Kindergärten, Obdachloseneinrichtungen, Beratungsstellen, Jugendclubs und vielen anderen Angeboten habe gezeigt, wie wichtig soziale Infrastruktur für ein funktionierendes Gemeinwesen und insbesondere für unterprivilegierte Bevölkerungsgruppen ist.

Bundesweit besonders von Armut betroffen sind wie in den Vorjahren Alleinerziehende (42,7%), Erwerbslose (57,9%), Menschen mit niedriger Qualifikation (41,7%) und Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit (35,2%). Die Armutsquoten für diese Gruppen haben laut Studie im Vergleich zum Vorjahr noch einmal zugenommen. Die stärkste Zunahme von Armut ist bei Rentner*innen festzustellen: Die Armutsquote stieg seit 2006 um besorgniserregende 66 Prozent.

Der Paritätische Gesamtverband untersucht in der vorliegenden Studie die Armutsentwicklung auf Länder- und Regionalebene. Armutsgeografisch zerfalle Deutschland in zwei Teile: im gut gestellten Süden haben Bayern und Baden-Württemberg eine gemeinsame Armutsquote von 12,1 Prozent. Außerhalb von Bayern und Baden-Württemberg lebe bei einer Quote von 17,4 Prozent durchschnittlich mehr als jede*r Sechste unterhalb der Armutsgrenze.

 

„Trotz der seit Jahren gleichen Gruppen mit besonders hohem Armutsrisiko ist es bisher nicht gelungen, die Armutsquote nachhaltig zu senken“, so Bluschke. „Wir brauchen schnellstmöglich Reformen in der Bildung, in der Alterssicherung sowie eine individualisierte Arbeitsmarktförderung und eine gute Infrastruktur, die alle mitnimmt“, sagt er mit Blick auf die Folgen der Corona-Krise.

„Corona hat jahrelang verharmloste und verdrängte Probleme, von der Wohnraumversorgung einkommensschwacher Haushalte bis hin zur Bildungssegregation armer Kinder, ans Licht gezerrt. Eine zunehmende Zahl von Erwerbslosen stößt auf ein soziales Sicherungssystem, das bereits vor Corona nicht vor Armut schützte und dessen Schwächen nun noch deutlicher zutage treten“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes Dr. Ulrich Schneider.  Der Gesamtverband fordert daher die Umverteilung vorhandener Finanzmittel zur Beseitigung von Armut. Konkret seien eine bedarfsgerechte Anhebung der Hartz IV Regelsätze nötig sowie der Altersgrundsicherung, eine Kindergrundsicherung und Reformen der Arbeitslosen- und Rentenversicherung.

Den Bericht, weitere Informationen und eine detaillierte Suchfunktion nach Postleitzahlen finden Sie unter:

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