Wider den Pflichtdienst – Für ein Mehr an Freiwilligendiensten

Die CDU-Generalsekretärin Kamp-Karrenbauer hat im August die Einführung einer allgemeinen Dienstpflicht vorgeschlagen. Daraus entwickelte sich eine lebhafte Diskussion zwischen Politiker/-innen unterschiedlicher Parteien, Verbänden und engagementpolitischen Institutionen.

Am 01.09.2018 ist der neue Zyklus der Freiwilligendienste beim Paritätischen Mecklenburg-Vorpommern gestartet. Im Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) engagieren sich 45 jungen Menschen ein Jahr lang für das Gemeinwohl. Im altersunabhängigen Bundesfreiwilligendienst (BFD) sind es 50 Teilnehmer/-innen.

Zentrales Charakteristikum der Dienste ist die Freiwilligkeit. Auf Freiwilligkeit fußt die Motivation zum Engagement. Dem entgegen steht ein Pflichtdienst. Dieser widerspricht nicht nur elementaren Freiheits- und Grundrechten, sondern wäre auch eine Zwangsmaßnahme, die der Vorstellung eines solidarischen Miteinanders der Generationen zuwiderläuft. „Soziale Einrichtungen und die Menschen, die dort betreut und gepflegt werden, wollen keine zwangszugeführten jungen Menschen, sondern echte Freiwillige. Wer sich mit Kindern beschäftigen möchte, mit Pflegebedürftigen oder mit behinderten Menschen, muss dies wirklich wollen, braucht Empathie, muss Freude in der Tätigkeit empfinden“, so Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands. Eine Dienstverpflichtung ist zudem keine passende Antwort auf die Herausforderungen des derzeitigen Fachkräftemangels und Entlohnungsdefizites im Bildungs-, Gesundheits- und Pflegebereich.

Ein Pflichtdienst kann und darf kein Ersatz für professionelle Tätigkeiten in diesen Bereichen sein, stattdessen müssen diese Berufe dringend aufgewertet werden. Durch einen Pflichtdienst werden sie aber nicht auf-, sondern eher abgewertet. Zudem werden bei der Befürwortung eines Pflichtdienstes die immensen Kosten ignoriert, die alleine für die Organisation entstehen würden. Statt über teure Zwangsrekrutierung nachzusinnen, sollten die Freiwilligendienste besser ausgestattet und noch attraktiver gestaltet werden, fordert der Paritätische. Mit einem Bruchteil dieser Kosten könnte der seit langem geforderte qualitative wie quantitative Ausbau der Freiwilligendienste erreicht werden.

Anders als bei Pflichtdiensten zu erwarten, ersetzen Freiwillige keine Arbeitsplätze und stehen einer Schaffung nicht entgegen. Freiwillige erhalten gemäß ihrer Interessen wertvolle Einblicke in verschiedene Arbeitsfelder, unterstützen die Beschäftigten und Einrichtungen und erleben Selbstwirksamkeit. Oft lassen sie sich durch das Ableisten eines Freiwilligendienstes für das Arbeitsfeld auch langfristig begeistern und absolvieren Ausbildungen in diesem Bereich.

Gleichwohl fehlt es den Freiwilligendiensten an Anerkennung. Sie sind mit Zugangsbarrieren verbunden.  Einige Beispiele: 

-      Freiwillige sind zur Zahlung von monatlich 17,50 Euro Rundfunk- und Fernsehgebühren verpflichtet. 

-      Freiwilligen, die in einer Bedarfsgemeinschaft leben, bleiben vom Taschengeld lediglich 200 Euro. Der „Rest“ wird auf das Haushaltseinkommen angerechnet. 

-      Freiwillige sind auf den ÖPNV angewiesen. Trotzdem kommen sie bislang nur im Bundesland Hessen in den Genuss eines günstigen tarifübergreifenden Landestickets.

Der Paritätische fordert eine bessere Ausgestaltung der existierenden Freiwilligendienste: „Es bedarf eines Taschengeldes, das zusammen mit dem Kindergeld zumindest existenzsichernd ist. Es bedarf des kostenlosen Zugangs zum öffentlichen Personennahverkehr, um zur Dienststelle zu gelangen ohne „draufzahlen zu müssen“. Es geht um mehr Teilzeitmöglichkeiten, um die Vereinbarkeit mit der Erziehung eines Kindes, um die Inklusion von Menschen mit Behinderung und vieles mehr“, fordert Schneider.

Auch strukturell stehen die Träger, die mehrheitlich die Freiwilligendienste in zivilgesellschaftlicher Verantwortung organisieren, vor Herausforderungen. Die Zuschüsse für die pädagogische Begleitung sind seit Jahren konstant und damit durch Kosten- und Tarifsteigerungen letztlich rückläufig. Der Zugang für Menschen mit Unterstützungsbedarf auf Grund z. B. körperlicher Beeinträchtigung ist wegen nicht verfügbarer Haushaltsmittel und ungeklärter Zuständigkeiten aktuell nahezu unmöglich. Mit dem Ende der EU-Förderperiode 2020 droht in den ostdeutschen Ländern zudem ein Kahlschlag an Freiwilligenplätzen, die bisher stark aus ESF-Mitteln gefördert wurden. 

Die Einführung eines Pflichtdienstes wäre ein gesellschaftspolitischer Irrweg. Der Ausbau der Freiwilligendienste lässt sich mit politischem Willen gestalten und vermag eine Antwort darauf zu geben, mit welchen Mitteln sich der gesellschaftliche Zusammenhalt in Deutschland stärken lässt.